KRZYŻOWA | Schellack, Druck, Grafit und Tuschen auf Papier, 29,2 x 21 cm
KRZYZOWA FOUNDATION – application for ARTIST IN RESIDENCE 2026
KRZYŻOWA
Denkbewegungen
Dagmar Schuldt, 2026
Viele Schichten liegen unter uns und bilden ab, was wir Ge-schichte nennen. Ich arbeite Schicht- um Schicht – um Schicht. In den immer wieder übermalten Farb- und Materialschichten zeichnet sich ab, was nicht (mehr) zu sehen ist. Der Blick kommt von oben und wandert in die Tiefe.
Zeitliche Prozesse stelle ich mir als Krakelee vor, ähnlich den Brüchen in Oberflächen wie bei alter Keramik. Ein Krakelee erkenne ich auch im gezeichneten Wegenetz von Karten. Wege sind einerseits Verbindungs- oder Kommunikationslinien, die sich ständig überlagern und weiter vernetzten, sie können aber aber auch zu Grenzen werden: Als Brüche fragmentieren sie die Landschaft. Es entstehen Siedlungsinseln, ein Begrenztsein durch und auf die „Scholle“.
Meine Kunstkarten an einem Ort der europäischen Verständigung entwickeln zu können, wäre sehr passend für meine Arbeit, um über Kommunikation und und Grenzen der Verständigung weiter nachzudenken. Denn auch Gedanken stelle ich mir als ein sich stets weiter verzweigendes Netzwerk vor. Erlebtes und Gedachtes hinterlassen Spuren, prägen Erinnerungen oder überlagern sie. „Die Gedanken sind frei“, sagt ein Lied. Gedanken lassen sich jedoch nicht archivieren, sie werden ständig neu verbunden, übermalt und neu interpretiert. Erlerntes, Erinnertes, Assoziiertes und Vergessenes überlagern sich schichtweise, hinterlassen Spuren, prägen Erinnerungen oder überlagern sie Schicht um Schicht. Eine Landschaft von Gedanken kann durchquert, ausgegraben, vernetzt und ausgebaut werden. Darin liegen Freiheit und Begrenzung zugleich. Gedankliche Karten verbinden Fragmente subjektiver Wahrnehmung und Erfahrung zu einem schlüssigen Wegenetz, anhand dessen wiederum die aktuelle Wahrnehmung interpretiert wird. Das, was meine Prägung berührt und in mein Wahrnehmungsmuster passt, kann leichter adaptiert und weiter ausgebaut werden – und ist in dieser Funktionsweise dem Algorithmus von Suchmaschinen nicht unähnlich.
Die fragen, die ich in KRZYŻOWA bearbeiten möchte sind deshalb:
Wie gehen wir mit Erinnerung um? Aus welchen Fragmenten der Wahrnehmung setzten wir unsere Erzählung von Geschichte zusammen? Was wollen wir erinnern und was nicht (mehr) wissen? Wie wird unsere Erinnerung die Zukunft prägen?
Meine Karten führen nicht; sie dokumentieren eine Suche. Ich denke KRZYŻOWA nicht allein als Ort sondern als Teil eines Netzwerkes. Ein Netzwerk von Wegen, von Spuren, von Gedanken, als Teil der Geschichte zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Diesem Netzwerk möchte ich während dem Stipendium nachgehen. Ich werde nach einer Vielzahl von Karten- und Anschauungsmaterial der Umgebung recherchieren und Gespräche und Eindrücke vor Ort suchen. Ich werde das Material zusammentragen, die Fragmente in eine persönliche Ordnung bringen und zu künstlerischen Wanderkarten weiter entwickeln. Diese Karten können wiederum Gesprächsgrundlage vor Ort sein, um mich und Besuchende weiter dafür zu sensibilisieren, dass Erinnerung zu bauen eine aktive und gegenwärtige Beschäftigung ist.
KRZYŻOWA.
Movements of Thoughts
Dagmar Schuldt, 2026
Many layers lie beneath us, representing what we call „Ge-Schichte“. I work layer by layer—by layer. Within the layers of paint and material—painted over again and again—what is no longer visible begins to emerge. The gaze descends from above, wandering into the depths.
I envision temporal processes as *craquelure*—the network of fine cracks found on surfaces like old ceramics. I recognize this same crackle pattern in the drawn networks of paths on maps. Paths are, on the one hand, lines of connection or communication that constantly overlap and interconnect; yet they can also become boundaries: as fractures, they fragment the landscape. Islands of settlement emerge—a state of confinement defined by and bound to the „patch of earth.“
Being able to develop my art maps at a site dedicated to European understanding would be highly fitting for my work, allowing me to further reflect on communication and the limits of understanding—for I envision thoughts, too, as a network that is constantly branching out further. Experiences and thoughts leave traces, shaping or overlaying memories. „Thoughts are free,“ goes the song. Yet thoughts cannot be archived; they are constantly reconnected, painted over, and reinterpreted. What is learned, remembered, associated, and forgotten overlaps in layers—leaving traces, shaping memories, or overlaying them layer by layer. A landscape of thoughts can be traversed, excavated, interconnected, and expanded. Therein lie both freedom and limitation. Mental maps connect fragments of subjective perception and experience into a coherent network of paths, which in turn serves as a framework for interpreting current perceptions. Whatever resonates with my own background and fits my pattern of perception is more easily adopted and expanded upon—a process not unlike the algorithms used by search engines.
The questions I would like to explore in Krzyżowa are therefore:
How do we deal with memory? From what fragments of perception do we piece together our narrative of history? What do we want to remember, and what do we no longer want to know? How will our memory shape the future?
My maps do not provide directions; they document a search. I do not think of KRZYŻOWA merely as a place, but as part of a network. A network of paths, traces, and thoughts—part of the history spanning past, present, and future. During my residency, I intend to explore this network. I will research a wide range of maps and visual materials related to the area and seek out conversations and on-site impressions. I will gather this material, arrange the fragments into a personal order, and develop them into artistic hiking maps. These maps can, in turn, serve as a basis for conversation on-site, further raising awareness—both for myself and for visitors—that constructing memory is an active, present-day endeavor.
Orientierungspunkte für KRZYŻOWA (Karte oben): Hamburg, Liebenberg, Berlin, Frankfurt/Oder, Dresden, Chelm Dolny, Poznań, Wroclaw, Oleśnica Mała.
Quelle: Sabine Friedrich, „Wer wir sind“, Werkstattbericht, 2014.
Meine Arbeit wird vertreten und unterstützt von Professor Claus Friede. Die Gedanken zu meiner Arbeit sind in Zusammenarbeit mit ihm entstanden und formuliert. Darüber bin ich dankbar.
courtesy: Claus Friede Contemporary Arts, Hamburg / Starnberg
Portfolio:


2025 / 2026_ Archäologie der Gedanken
ARCHÆOLOGISCHES MUSEUM FRANKFURT
Dagmar Schuldt:Archäologie der Gedanken
Von der Kunst des Sichtbaren und Unsichtbaren
Dagmar Schuldt: Archaeology of Thoughts
On the Art of the Visible and Invisible
10.9.2025 – 31.5.2026
Die Ausstellung verbindet sich eng mit den historischen Räumen des Archäologischen Museums Frankfurt. Dabei wird das Museum selbst zum Resonanzraum der Werke. Historische Karten mit feinen Krakelee-Strukturen, gefaltete Objektkarten, poetische Wortwerke und die sieben Stempelstelen treten in einen Dialog mit dem Stadtraum. Vergangenheit erscheint hier nicht als abgeschlossene Erzählung, sondern als offenes Geflecht aus Spuren, Erinnerungen und Bedeutungen.
Here, the past does not appear as a closed narrative, but rather as an open web of traces, memories, and meanings.
download: Katalog: Archäologie der Gedanken, cover (pdf)
download: Katalog: Archäologie der Gedanken (pdf)
2024_Studienaufenthalt Norwegen
1.7.2024 – 12.7.2024
download: Kartografie eines Zwischenraums: Norwegen (pdf)
2024_Seven Days

2022_Schicht – Um Schicht – Umschichten
Im Film werden meine Fliesenfragmente in ihren Bezügen zu unterschiedlichen Orten gezeigt. Dazu gehört die Sammlung des Museums für Hamburgische Geschichte, der Park im Woods Art Institute (WAI) und der Strand von Jork, der kilometerweit von Bauschutt bedeckt ist. Er stammt von im 2. Weltkrieg zerstörten Häusern aus Hamburg und wurde hier über mehrere Kilometer entlang der Elbe abgeladen. Brüchige Geschichten, die von einem Zuhause-gewesen-sein erzählen und über Geschichte in gelöster Form.
300 historische Fliesenfragmente mit meinen Zeichnungen in blauer Glasurfarbe werden für einige Stunden entlang der Wasserlinie ausgelegt und gefilmt. Die bemalten Scherben sind Teil der eigenen Erinnerung und der Geschichte Hamburgs, bilden eine subjektive Geschichtsschreibung mit Brüchen, eine Zeichnung im Fluss.
– a temporary installation of tile fragments
The film shows my tile fragments in relation to various locations. These include the collection of the Museum of Hamburg History, the park at the Woods Art Institute (WAI), and the beach at Jork, which is covered for kilometers with construction rubble. This debris originated from Hamburg houses destroyed during World War II and was dumped here along the Elbe over a stretch of several kilometers. These are fragmented stories—narratives of having once been a home, and of history in a dissolved state.
Three hundred historical tile fragments, bearing my drawings in blue glaze, are laid out along the water’s edge for several hours and filmed. The painted shards are part of both personal memory and Hamburg’s history; they form a subjective account of history marked by fractures—a drawing in the flow of the river.
2021_Erinnerungsmosaik
Museum für Hamburgische Geschichte
Dagmar Schuldt
ERINNERUNGSMOSAIK
Zu Wahrnehmung und Erzählung von Geschichte
Wie gehen wir mit Erinnerung um? Aus welchen Fragmenten der Wahrnehmung ist unsere Erzählung von Geschichte entstanden? Was wird unsere Erinnerung prägen?
25. 2.2021 – 15. 11. 2021
Mosaic of Memory.
On the Perception and Narration of History
Museum of Hamburg History
How do we engage with memory? From which fragments of perception has our narrative of history emerged? What will shape our memory?
download: Katalog, Erinnerungsmosaik (pdf)